Zwischen Nachwuchs, Prog und Wohnzimmergefühl: Superthousand & Don’t Let Gravity Win in der Alten VHS Bonn

Konzertbericht | 02. Oktober 2026 | Alte VHS Bonn
Text & Fotos: Luna | F4B NEWSBLOG


Manchmal braucht ein richtig guter Konzertabend keine riesige Bühne, keine LED-Wand und keine Produktion, bei der schon der Aufbau vermutlich mehr kostet als ein Kleinwagen.

Manchmal reichen eine kleine Bühne, zwei Bands, eine gemütliche Bar und Menschen, die tatsächlich wegen der Musik da sind.

Am Freitagabend führte uns der Weg nach Bonn in die Alte VHS. Auf dem Programm: Don’t Let Gravity Win und Superthousand.

Progressive und alternative Klänge statt Metalbrett – und ein Abend, der ziemlich wunderbar gezeigt hat, warum wir immer wieder über kleine Bands, kleine Bühnen und unabhängige Kulturorte sprechen.

Und warum man manchmal einfach hingehen sollte, auch wenn man vorher nicht weiß, was einen erwartet.


Die Alte VHS – Kultur zum Mitmachen statt Hochglanz-Eventlocation

Schon der Veranstaltungsort ist eine Geschichte für sich.

Die Alte VHS Bonn ist kein klassischer Club und keine gewöhnliche kommerzielle Konzertlocation. Sie versteht sich als selbstorganisiertes soziokulturelles Zentrum und schafft Raum für unkommerzielle Kultur, alternative Bildung, gesellschaftliches Engagement und kreative Projekte.

Und genau diesen Charakter spürt man.

Das Ganze hat etwas angenehm Ungekünsteltes. Ein kleiner Konzertbereich mit überschaubarer Bühne, ein gemütlicher Bereich zum Sitzen und Quatschen, eine kleine Bar – und vor allem keine künstliche Trennung zwischen Publikum, Musiker*innen und den Menschen, die den Laden am Laufen halten.

Die Alte VHS lebt davon, dass Menschen selbst mitgestalten. Konzerte gehören genauso zum Konzept wie gemeinsames Musizieren, Kunst, Siebdruck, Fotolabor und andere kulturelle und kreative Projekte. Wer selbst Ideen hat, findet hier Möglichkeiten, sich einzubringen und Veranstaltungen mitzugestalten.

Das Publikum an diesem Freitagabend passte hervorragend dazu: bunt gemischt, unterschiedliche Altersgruppen und Typen, aber durchweg entspannt und sympathisch.

Man stand zusammen. Man saß zusammen. Man kam ins Gespräch.

Und irgendwann wurde natürlich getanzt.


Don’t Let Gravity Win – jung, neu und schon mittendrin

Den Anfang machten Don’t Let Gravity Win.

Eine sehr junge Newcomerband, über die öffentlich bislang noch nicht wahnsinnig viel zu finden ist. Und vielleicht ist genau das auch ganz passend: Hier steht keine fertig vermarktete Band mit kilometerlanger Biografie vor uns, sondern eine Formation, die gerade dabei ist, sich ihre ersten Bühnen zu erspielen.

Im Bonner Nachwuchs- und Newcomer-Umfeld taucht der Name inzwischen jedenfalls auf. Bereits am 29. Oktober 2026 stehen Don’t Let Gravity Win beim RPZ Showcase #44 im Rock & Pop Zentrum Bonn erneut auf der Bühne. Die Showcase-Reihe versteht sich ausdrücklich als Plattform für junge Nachwuchskünstler*innen und Newcomerbands.

Das musikalische Umfeld dieses Showcases wird zwischen Alternative Rock, Experimental, Krautrock und Progressive Rock verortet. Das ist keine offizielle Genre-Selbsteinordnung der Band – aber auch beim Auftritt in der Alten VHS war schnell klar, dass Don’t Let Gravity Win musikalisch mehr ausprobieren wollen, als einfach nur möglichst laut ein paar Akkorde durch den Raum zu drücken.

Da waren musikalische Ideen.

Da waren unterschiedliche Dynamiken.

Und da war vor allem eine junge Band, die hörbar Lust darauf hatte, ihre Musik auf einer Bühne zu spielen.

Natürlich war noch nicht alles perfekt.

Muss es auch nicht sein.

Noch sitzt nicht jeder Übergang mit der Selbstverständlichkeit einer Band, die seit Jahren gemeinsam tourt. Noch ist nicht jede Bewegung auf der Bühne Routine. Natürlich merkt man, dass hier junge Musiker*innen am Anfang ihrer Live-Entwicklung stehen.

Aber genau deshalb wäre es ziemlich unsinnig, ihren Auftritt mit denselben Maßstäben zu beurteilen wie den einer erfahrenen Band.

Viel interessanter ist doch die Frage:

Ist da etwas, das sich entwickeln kann?

Nach diesem Abend würden wir sagen: definitiv genug, um neugierig zu bleiben.

Don’t Let Gravity Win haben sich auf diese Bühne gestellt, ihre Musik vor einem Publikum präsentiert und ihren Auftritt durchgezogen.

Und sie haben einen guten Job gemacht.

Denn eines darf man bei all den perfekt produzierten Videos, Releases und Social-Media-Auftritten gern vergessen:

Eine Liveband entsteht nicht im Proberaum.

Sie entsteht auf Bühnen.

Vor echten Menschen.

Mit kleinen Fehlern, mit Nervosität, mit Abenden, an denen etwas funktioniert – und mit anderen, aus denen man etwas mitnimmt.

Genau deshalb braucht es Orte wie die Alte VHS und Konzertreihen wie den RPZ Showcase.

Nicht, damit junge Bands irgendwann spielen dürfen, wenn sie bereits perfekt sind.

Sondern damit sie überhaupt die Chance bekommen, richtig gut zu werden.

Wir werden jedenfalls im Auge behalten, was aus Don’t Let Gravity Win wird.

Denn niemand steht beim ersten Konzert als fertige Liveband auf der Bühne.

Aber irgendwann steht jede gute Liveband zum ersten Mal dort.


Dann kamen Superthousand

Nach dem Nachwuchs wurde umgebaut – und anschließend gehörte die Bühne Superthousand.

Das Trio aus Gummersbach besteht aus Dominik Mertens, Lars Dreier und Markus Missbrandt und bewegt sich musikalisch im Progressive Rock – allerdings in einer modernen Ausprägung, die sich deutlich mehr Freiheiten nimmt als das klassische Bild, das manche beim Begriff „Prog“ sofort im Kopf haben.

Die Band selbst bringt ihre Musik wunderbar knapp auf den Punkt:

„Progressive Rock with love and samples.“

Und live versteht man ziemlich schnell, was hinter dieser Selbstbeschreibung steckt.

Hier treffen Gitarren, Bass, Schlagzeug und Keyboards auf Samples und elektronische Elemente. Ruhige, atmosphärische Passagen stehen neben kraftvollen Ausbrüchen, große Klangflächen neben Momenten, in denen die Musik plötzlich wieder erstaunlich intim wirkt.

Wer bei Progressive Rock ausschließlich an endlose Soli, möglichst komplizierte Taktarten und musikalische Mathematik denkt, darf diese Schublade also ruhig ein Stück weiter aufziehen.

Superthousand machen Musik, die Atmosphäre braucht – und sie bekommt.


Musik, die sich entwickeln darf

Superthousand funktionieren nicht über den permanenten Schlag ins Gesicht.

Die Songs bekommen Raum.

Passagen bauen sich auf, verändern sich, brechen wieder herunter und wachsen anschließend erneut. Spannung entsteht nicht dadurch, dass permanent alles auf Anschlag läuft, sondern durch Dynamik.

Und genau das funktioniert live bemerkenswert gut.

Das ist Musik, bei der Zuhören tatsächlich noch Teil des Konzerts ist.

Aber keine Sorge: Beim ehrfürchtigen Prog-Nicken blieb es an diesem Abend trotzdem nicht.

Je länger das Set dauerte, desto mehr ging das Publikum mit.

Die anfängliche konzentrierte Aufmerksamkeit verwandelte sich zunehmend in Bewegung.

Es wurde getanzt.

Es wurde gelacht.

Menschen feierten miteinander und die ohnehin schon lockere Atmosphäre des Abends wurde mit jedem Song ein bisschen ausgelassener.

Gerade beim letzten Song war dann endgültig Schluss mit stillem Zuhören.

Der Raum war drin.


„Zugabe!“

Und danach passierte das, was für eine Band vermutlich zu den schöneren Möglichkeiten gehört, einen regulären Setabschluss zu erleben:

Das Publikum wollte mehr.

Zugabe!

Und zwar nicht nur ein einzelner halbherziger Ruf irgendwo aus der hintersten Ecke.

Die Leute hatten offensichtlich schlicht noch keine Lust, dass dieser Abend schon vorbei sein sollte.

Eigentlich ist das die schönste Konzertkritik, die ein Publikum abgeben kann.

Man kann über Spieltechnik, Arrangements, Sounddesign und Genrezuordnungen schreiben.

Oder man beobachtet einfach einen Raum voller Menschen, die nach dem letzten Song noch einen wollen.

Auch eine Antwort.


four – und ein ziemlich pinkes Souvenir

Mit nach Hause ging bei mir außerdem das Superthousand-Album four auf Vinyl – selbstverständlich signiert.

Und diese Platte kann man wirklich schlecht übersehen.

Knallpinkes Vinyl, sechs Stücke:

Seven · Gift · Stellar Dust · Four · Kipppunkt · End

Das Album erschien 2025 und zeigt ziemlich gut, was Superthousand ausmacht: lange Spannungsbögen, atmosphärische Passagen, progressive Strukturen und Songs, die nicht nach drei Minuten fertig sein müssen, nur weil irgendein Algorithmus das vielleicht gern so hätte.

Ein ziemlich schönes Erinnerungsstück an einen Abend, bei dem die Musik eben nicht mit dem letzten Ton aufgehört hat.


Der vermutlich beste Test des Abends

Ich hatte diesmal außerdem jemanden dabei, für den dieser Abend eine Premiere war.

Eine Freundin von mir war zum ersten Mal überhaupt auf einem Underground-Konzert.

Keine große Halle.

Keine bekannte Festivalmarke.

Keine riesige Produktion.

Keine Band, deren Songs sie seit Jahren kennt.

Einfach mitkommen, kleine Location, Musik entdecken und schauen, was passiert.

Und sie hat es geliebt.

Vielleicht ist das sogar einer der schönsten Punkte dieses Abends.

Denn wir innerhalb der Underground-Szene vergessen manchmal, wie besonders diese kleinen Konzerte für Menschen wirken können, die sie nicht ständig erleben.

Die Nähe.

Die Gespräche.

Dass Musiker*innen plötzlich einfach neben einem stehen.

Dass man zwischendurch zusammensitzt.

Dass Menschen miteinander reden, obwohl sie sich vorher nicht kannten.

Dass niemand wissen muss, wer hier eigentlich „wichtig“ ist.

Und dass aus einem simplen „Komm einfach mal mit“ ein verdammt schöner Abend werden kann.


Kleine Konzerte sind nicht die kleinere Version von großen Konzerten

Vielleicht liegt genau hier ein Denkfehler.

Ein kleines Konzert ist nicht automatisch die unfertige Version eines großen Konzerts.

Es ist etwas Eigenes.

Natürlich gibt es dort keine gigantische Produktion. Natürlich spielen Nachwuchsbands nicht wie Acts mit zwanzig Jahren Tourerfahrung. Und selbstverständlich stehen manchmal nur einige Dutzend Menschen vor einer Bühne statt einige Tausend.

Dafür entstehen Dinge, die man in einer Arena kaum reproduzieren kann.

Nähe. Begegnung. Austausch.

Man steht nicht 40 Meter von der Bühne entfernt. Zwischen Band und Publikum befindet sich kein Sicherheitsgraben. Musiker*innen verschwinden nach dem Auftritt nicht automatisch hinter mehreren Türen und Absperrungen.

Und man bekommt die Möglichkeit, Bands zu erleben, während sie noch auf ihrem Weg sind.

Bei Don’t Let Gravity Win vielleicht ziemlich weit am Anfang.

Bei Superthousand an einem ganz anderen Punkt.

Beides gehört zur selben musikalischen Infrastruktur.

Denn damit Bands wachsen können, braucht es nicht nur Proberäume und Streamingplattformen. Es braucht Veranstalterinnen, Technik, Menschen an der Bar, Kulturinitiativen, Fotografinnen, kleine Clubs – und vor allem ein Publikum, das tatsächlich kommt.

Orte wie die Alte VHS schaffen dafür überhaupt erst den Raum.

Sie ermöglichen nicht nur Konzerte, sondern Begegnungen. Menschen können selbst Ideen einbringen, Veranstaltungen organisieren und Kultur nicht nur konsumieren, sondern mitgestalten.

Gerade für lokale Bands und Nachwuchs ist so etwas kaum zu ersetzen.

Denn ohne kleine Bühnen gibt es irgendwann auch keine großen Bands.


Unser Fazit nach Bonn

Don’t Let Gravity Win haben gezeigt, warum es sich lohnt, jungen Bands zuzuhören, bevor ihre Namen überall stehen.

Da ist noch Entwicklungspotenzial – natürlich. Aber da sind eben auch musikalische Ideen, Mut und vor allem die Bereitschaft, rauszugehen und zu spielen.

Genau so fängt es an.

Superthousand haben anschließend gezeigt, was passieren kann, wenn musikalische Erfahrung, Atmosphäre und Spielfreude auf einen Raum treffen, der bereit ist, sich darauf einzulassen.

Und die Alte VHS hat gezeigt, dass eine gute Konzertlocation nicht zwingend groß sein muss.

Wir hatten nette Gespräche.

Wir haben gelacht.

Wir haben getanzt.

Wir haben neue Menschen kennengelernt und Musik gehört.

Meine Freundin hat ihr erstes Underground-Konzert erlebt – und es geliebt.

Ich bin mit einer signierten pinken Platte nach Hause gefahren.

Und irgendwann rief ein Raum voller Menschen nach einer Zugabe.

Mehr muss ein Freitagabend eigentlich nicht leisten.

Wer Progressive Rock mag – besonders wenn er atmosphärisch, experimentierfreudig und nicht auf die üblichen Genregrenzen festgelegt sein darf – sollte Superthousand live auf dem Zettel haben.

Und wer behauptet, es gäbe kaum noch interessante kleine Konzerte, sollte vielleicht weniger auf die ganz großen Tourplakate schauen.

Geht in die kleinen Locations.

Hört euch die Nachwuchsbands an.

Entdeckt Musik, die ihr noch nicht kennt.

Redet miteinander.

Und unterstützt die Menschen, die solche Räume überhaupt möglich machen.

Denn Underground entsteht nicht irgendwo hinter den Kulissen.

Underground entsteht genau dort. Vor der Bühne.


🔗Links & mehr

Superthousand
Offizielle Website
Instagram @superthousand
Bandcamp – Musik & Album „four“

Don’t Let Gravity Win

📸 Instagram – @dontletgravitywin
🌐 Website – dontletgravitywin.de

Alte VHS Bonn
Website & aktuelles Programm
Die Alte VHS befindet sich aktuell in der Engeltalstraße 4, 53111 Bonn.

F4B & Luna

Metalfans4Metalbands / F4B
🌐 Website – Metalfans4Metalbands
📸 Instagram – @metalfans4metalbands
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Luna
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